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Schlagwort: Gesellschaft

Seltsame Tage

Noch längst nicht alle sieben Milliarden Menschenkinder haben über Corona geblogt. Ich auch nicht und deswegen wähne ich mich jetzt als dran. Medizinisch, technisch, gesellschaftlich und wirtschaftlich gesehen ist schon viel dazu gesagt, sogar soviel, dass ich garantiert nichts Erhellendes mehr dazu beitragen kann. Also schreibe ich lieber über persönliche Eindrücke und Empfindungen.

Die Überschrift sagt ja schon was dazu. Ein Ereignis, das mir gleichzeitig so nah und so fern ist habe ich schon lange nicht mehr erlebt. Über eine derartige Zeitspanne hinweg sowieso nicht. Mittlerweile kommt es mir so vor, als ob die allabendlichen Sondersendungen und der Tag nahtlos ineinander gleiten würden, die Tage dabei ihre eigene Sondersendung wären und “Tagesschau extra” selbstverständlicher als der Rest. Letztlich kann ich es aushalten, gegebenenfalls auch länger, aber “toll” ist etwas Anderes.

Niemand in meinem persönlichen Umfeld hier vor Ort ist oder war erkrankt. Aber da ist natürlich trotzdem die Sorge um meine steinalte Schwiegermutter, die diese Krankheit keinesfalls überleben könnte. Ein paar hundert Meter weiter, die Großnichte, keine zwei Jahre alt, die würde vielleicht kindertypisch gar nicht so schwer erkranken. Andererseits ist sie mit den Milchzähnen derzeit sehr geplagt, da braucht es das nicht auch noch.

Meine Frau hat plötzlich Schichtarbeit. Eine Woche läutet der Wecker jetzt um 4:40, die Woche darauf kommt sie erst um Viertel vor acht abends heim. Wir tun uns nicht ganz leicht damit unseren Tagesrhythmus neu zu strukturieren, besonders die Schlafqualität ist oft schlecht. Wenn man auf der Straße jemanden trifft und ein Weilchen zum quatschen stehenbleibt läuft es derzeit anders als üblich. Hier auf dem Land ist sowieso Platz, da steht man jetzt gleich noch weiter voneinander entfernt als zwei Meter und steht trotzdem fast nie jemandem im Weg. Manche brüllen sich gleich über die Straße hinweg die News zu. Im Supermarkt hingegen ist es eher eng. Ich grüble immer wo das richtige Zeitfenster liegen könnte, um ohne Halswirbeltrauma aus der Sache wieder rauszukommen. Beim Einkauf gibt es mittlerweile Menschen, die am Eingang des Supermarktes die Besucher zählen. Allerdings stellen sie, egal wie hoch die Kundenanzahl sein mag, niemals fest dass es zu voll ist. Und Arschlöcher, die sich lustige Sachen für die Kassenschlange ausdenken, gibt es überall.

Wir sind keine Prepper, kacken aber wie andere Menschen auch und backen seit Jahren gerne mal selber einen Laib Brot. Deswegen war manches leere Regal für uns dann doch eine blöde Überraschung. Eine liebe Freundin, der offenbar über finstere Kanäle ungeahnte Möglichkeiten offenstehen, brachte uns zwei große Pakete Toilettenpapier und Backhefe. Wir waren überwältigt!

Dann plötzlich doch, ein früherer Klassenkamerad aus München, mit dem ich – StayFiends sei Dank – seit einiger Zeit via Mail kommuniziere, schreibt von seiner überwundenen Coronaerkrankung. Der Mann ist 61, ein Hüne und grundsätzlich fit. Er berichtet von seinen eher atypischen Beschwerden und die bestanden aus niedrigem Fieber und einer 14 Tage andauernden extremen Kraftlosigkeit, die ihn in ihrem Ausmaß wohl richtig entsetzt hat. Seine Mutter (85) im Altenheim ist nun auch erkrankt, sie kann das Ganze nicht mehr richtig verstehen und ist wohl äusserst traurig, dass niemand zu Besuch kommen kann.

Von hier nach Downtown OL sind es nur etwas mehr als zehn Kilometer, aber momentan fahre ich nicht mehr hin. Vor knapp zwei Wochen war ich das letzte Mal dort und es war so unglaublich tot, das hat mich wirklich ein bisschen traurig gemacht. Ich habe mich für die andere Richtung entschieden; per pedes durch die Natur; hier gibt es genug Ecken wo schon in normalen Zeiten kaum jemand anzutreffen ist und da zieht es mich derzeit hin. Kann ich gut aushalten, denn Wandern in der Natur entschleunigt ohnehin und das passt jetzt so gut zu dem allgemein trägen, zähen Fluß der Dinge. Es ist schön diese Angleichung des Zeitempfindens zu erleben. Wo früher ein kalter Schnitt war und wohl auch bald wieder sein wird ist jetzt vorwiegend Harmonie.

Es ist mehr Freundlichkeit zu spüren und auch ein wenig mehr Engagement beim Thema Nachbarschaftshilfe. Irgendwie bin ich – warum auch immer – ein klein wenig zuversichtlich, dass die Gesellschaft zumindest geringfügig verbessert aus dieser Episode herauskommt. Ansonsten gilt: Hilft ja nix, da muss man durch und Freiheit ist mit Vernunft verknüpft.

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